Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Annas Vater, Ferdinand Ronkat (1873-1920), war Österreicher und kam Anfang des vorigen Jahrhunderts aus Tirol nach Radolfzell, wo er als Eisendreher Arbeit fand. Er heiratete die gleichaltrige, aus Radolfzell stammende Maria Ehrenbach (1873-1910). Anna, die am 27. März 1904 in Radolfzell geboren wurde, war das erste Kind aus dieser Ehe; am 28. Dezember 1906 kam mit Sohn Karl Ferdinand das zweite Kind zur Welt.

Annas Mutter starb nach kurzer Krankheit bereits 1910; im selben Jahr wurde Anna in Radolfzell eingeschult. Sie besuchte die Volksschule bis zum Abschluss 1919 und arbeitete danach kurze Zeit als Fabrikarbeiterin. Ihr Vater, der 1911 wieder geheiratet hatte, lebte in diesen Jahren mit seiner Frau Maria Philomena Model (geb. 1881) und den Kindern Anna, Karl, Rudolf (geb. 1911) und Walter (geb. 1919) in einer kleinen Wohnung in der Ratoldusstr. 37. Die Fotografie zeigt Ferdinand Ronkat in der Uniform der österreichisch-ungarischen Armee; als Heeressoldat im Ersten Weltkrieg hat er seine Familie in Radolfzell vermutlich nur selten gesehen. Als er 1920 starb, verließ Anna Ronkat, 16-jährig zur Vollwaise geworden, das Elternhaus und zog zuerst nach Konstanz, dann in die Schweiz (Zürich, Ermatingen, Schaffhausen), wo sie als Dienstmädchen in wechselnden Stellungen arbeitete. Um das Jahr 1929 konvertierte sie zum evangelischen Glauben.

In der Schweiz soll es bei Anna Ronkat bereits 1927 zum schleichenden Beginn einer psychischen Erkrankung gekommen sein. Wegen „psychischer Auffälligkeit“ wies man sie im Januar 1931 in die 'Kantonale Irrenanstalt Breitenau' in Schaffhausen ein; die dortige Diagnose lautete auf 'Hebephrenie'. Von Schaffhausen verlegte man sie am 10. Juni 1931 in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau und von dort am 29. Dezember 1931 mit der Diagnose Schizophrenie in die Kreispflegeanstalt nach Geisingen, wo sie über fünf Jahre in stationärer Behandlung blieb. Nachweislich am 3. April 1937 kam die damals 33-Jährige zurück in die Heilanstalt Reichenau, die Ende 1937 als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet wurde. Der klinische Direktor, Dr. Arthur Kuhn, beantragte beim Erbgesundheitsgericht Konstanz Anna Ronkats „Unfruchtbarmachung“ auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Am 16. Februar 1938 wurde Anna Ronkat nach entsprechendem Beschluss des Gerichts in der Städtischen Frauenklinik Konstanz „wegen Schizophrenie“ von Dr. Kurt Welsch zwangssterilisiert. Der Operationstermin der entmündigten, „unruhigen“ Patientin war 1937 noch mehrmals ausgesetzt worden, da Anna Ronkats psychische Verfassung und Gegenwehr den Eingriff nicht zuließen.

Nach weiteren eineinhalb Jahren als Patientin der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurde Anna Ronkat für die geplante NS-„Euthanasie“-„Aktion T4“ erfasst. Anstaltsdirektor Kuhn schickte im Oktober und November 1939 die gewünschten Meldebögen von insgesamt 596 Patient/innen an die Planungszentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4; dort entschieden „T4“-Gutachter nach flüchtiger Akteneinsicht über den „Lebens(un)wert“ von zehntausenden psychisch kranker und geistig behinderter Menschen. Auch Anna Ronkat sollte sterben. Die Reichenauer Anstalt bereitete die „Verlegung“ der Patientin vor.

Anna Ronkat wurde am 27. Juni 1940 „im Zuge planwirtschaftlicher Maßnahmen“ - so die Sprachregelung der „T4“-Täter - mit 74 weiteren Reichenauer Patientinnen („Frauen M-Z“) in drei „grauen Bussen“ in die Tötungsanstalt Grafeneck „verlegt“, wo alle noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und anonym eingeäschert wurden.

Die Angehörigen in Radolfzell, die noch zu Weihnachten 1940 von der Reichenauer Anstalt vergeblich Auskunft über Anna Ronkats Aufenthaltsort zu erlangen suchten, bekamen aus Grafeneck vermutlich erst Monate später die Todesnachricht (sog. „Trostbrief“) und die standesamtliche Sterbeurkunde zugeschickt; jeweils mit der fingierten Angabe einer natürlichen Todesursache und mit einem gefälschten Todesdatum. Die Todesnachricht ist bei Anna Ronkat nicht überliefert. Das zu Tarnzwecken eingerichtete Sonderstandesamt Grafeneck gab nachweislich der gefälschten Sterbeurkunde als Todestag den 21.7.1940 an. Der entsprechende Hinweis des Standesamtes Radolfzell findet sich im Geburtenregistereintrag. Wo Anna Ronkats sterbliche Überreste beseitigt wurden, ist nicht bekannt. Auf dem Städtischen Friedhof Radolfzell kam es 1940 oder später zu keiner Urnenbestattung auf ihren Namen.

Die letzten lebenden Angehörigen der Familie Ronkat sind Heinz Ronkat (geb. 1935), der Sohn von Rudolf Ronkat (1911-1972), und seine Frau Brunhilde, beide in Radolfzell.

 

Recherche: Markus Wolter, zur Verfügung gestellt von Markus Wolter

 

Quellen:

[1] Radolfzell zur NS-Zeit [Stand 30.09.2015]

[2] Krankenakte, Heil- und Pflegeanstalt Reichenau (Aktendeckel mit Fahrnisverzeichnis, Meldung der „Verlegung“ an den Kostenträger, Briefwechsel mit den Angehörigen), Staatsarchiv Freiburg, StAF B 822/3, Nr. 435

[3] Patientenakte (Aufnahme, Diagnostik, Krankengeschichte u.a.), BArch Berlin, Bestand R179

[4] Gesundheitsamt Konstanz, Einzelfallakten zu Zwangsunfruchtbarmachungen (sog. „Erbgesundheitsakten“), StAF B 898/1 Nr. 915

[5] Geburtenregister-Eintrag Anna Maria Ronkat, Stadtarchiv Radolfzell (StAR)

[6] Einwohnermeldekarte Ronkat, StAR

[7] Eintrag im Gedenkbuch der Gedenkstätte Grafeneck.

[8] Zum Transport am 27. Juni 1940 von Reichenau nach Grafeneck vgl.: Faulstich, Heinz: Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945. Freiburg, 1993, S. 235 f.; S. 261.

 

überarbeitet am 20.01.2021

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