Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Geboren am 27. April 1923 in Würzburg / Bayern wohnhaft in Lohr und Bayersried-Ursberg (Pflegeanstalt)

Deportation: ab Bayersried-Ursberg, Pflegeanstalt 14. September 1940, Eglfing-Haar, Heil-und Pflegeanstalt (bei München) 20. September 1940, Hartheim (bei Linz), Tötungsanstalt

Todesdatum: 20. September 1940, Todesort: Hartheim, Tötungsanstalt

Schicksal: Euthanasie

Hinter diesem Eintrag im Gedenkbuch 36 verbirgt sich ebenfalls ein Lohrer Schicksal. Josef Strauß ist identisch mit dem Josef Strauß aus den Unterlagen von Wirthmann und Schroll. Deren Angaben zu Name, Geburtsort und Geburtsdatum und Name der Pflegeanstalt stimmen mit dem Eintrag im Gedenkbuch überein. Schroll hat zudem notiert: „behindert“. Auch Wirthmann: Strauß sei ab 1933 unheilbar krank gewesen. Josef Strauß war Opfer der sog. „Aktion T 4“37, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die systematische Ermordung von über 100 000 tatsächlich oder vermeintlich behinderten Menschen durch das NS-Regime bezeichnet wurde. Dazu gehörte im September 1940 auch die Deportation von Josef Strauß aus der Pflegeanstalt Bayersried-Ursberg bei Günzburg / Bayern in die Anstalt Eglfing-Haar bei München und von dort in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz38. Dort wurde er am 20. September 1940 ermordet. Es handelte sich offensichtlich um eine landesweite Aktion. Auch alle 19 jüdischen Patienten aus Lohr erlitten dort am 20. September 1940 das gleiche Schicksal.

Die Lohrer Eltern von Josef waren nach Schroll und Wirthmann Alfred Strauß und dessen 1. Ehefrau Nelly (gest. 1932). Sie wohnten in der Sterngasse 80 (heute: 223 Sterngasse 6). Alfred Strauß hatte ein Geschäft für Tabakwaren,
Häute und Rohprodukte, gegründet 1880 von seinem Vater Leon, dem jahrelangen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Lohr (gest. 1930). Möglicherweise hängt mit dem Tode seiner Frau Nelly 1932 zusammen, dass Adolf Strauß den behinderten Sohn 1933 in der Obhut der Pflegeanstalt Bayersried-Ursberg in besseren Händen wähnte als zu Hause, wo bislang die Mutter für den Sohn gesorgt hatte. Alfred Strauß hatte relativ bald selbst um seine Existenz
zu kämpfen. Seine Verhaftung durch die Gestapo erfolgte am 25. Februar 1937, seine Wiederentlassung folgte erst am 1. März 1938, also erst über ein Jahr später! Gründe sind nicht bekannt. Offensichtlich sollte jedoch seine Ausreise erzwungen werden, da man in Besitz des Hauses kommen wollte, denn: Geschäftsaufgabe und Ausreisegenehmigung erfolgten in kürzester Zeit nach Freilassung. Ab 4. August 1938 befanden sich die Diensträume der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Haus von Alfred Strauß. Seine Ausreise in die USA erfolgte schon einen Tag später, am 5. August 1938. Mit ihm reisten die 2. Ehefrau Fanny (*1895) und wohl weitere Familienmitglieder.
Zu seinem behinderten Sohn Josef hat ihm die Gestapo sicher falsche Versprechungen gemacht und die weitere Pflege vorab in Rechnung gestellt, um ihm auch das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Lohr hat somit aus Lohrer jüdischen Familien zwei Euthanasie-Opfer zu beklagen.

 

Quelle

[1] „Ein Wiedersehen gibt es nur im Himmel“ - Jüdische NS-Opfer aus Lohr von Wolfgang Vorwerk [Stand 26.05.2019]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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