Am 18. Dezember 1940 schrieb Dr. Martha Fauser, Direktorin der Heilanstalt Zwiefalten an Otto Renz: „Wie wir ihrem Schwiegervater schon sagten, musste Ihre Frau auf Anordnung des württ. Innenministeriums zusammen mit anderen Kranken in eine andere Anstalt verlegt werden. Da die endgültige Verteilung der Kranken vom Innenministerium geregelt wird, ist uns nicht bekannt, in welche Anstalt Ihre Frau gekommen ist. Es besteht jedoch die Abmachung, dass die Aufnahmeanstalt die Angehörigen von der endgültigen Unterbringung verständigen soll. Vielleicht gedulden Sie sich, bis die Antwort von dort kommt.“

Lange musste Otto Renz sich nicht gedulden. Ein auf denselben Tag datiertes Schreiben der „Landes-Pflegeanstalt Grafeneck“ muss ihn etwa gleichzeitig erreicht haben. „Zu unserem Bedauern“, heißt es darin, müssen wir Ihnen […] mitteilen, dass die Patientin, die sich anfangs in unserer Anstalt gut einlebte, plötzlich und unerwartet am 17. Dezember 1940 an einer akuten Hirnschwellung verstorben ist. Da Ihre Frau an einer schweren, unheilbaren geistigen Erkrankung litt, müssen Sie ihren Tod als eine Erlösung auffassen.“

In Wahrheit ist Frau Renz am 9. Dezember 1940 nach Grafeneck „verlegt“ und noch am selben Tag vergast worden. An Weihnachten 1939 hatte sie noch aus Zwiefalten geschrieben: „Mein lieber Mann! Da ich nun dazu komme, Dir entlich mal über Weihnachten zu erzählen. Am Nachmittag waren wir im Garten, darauf gingen wir in die Nähstube, dort sangen wir Weihnachtslieder und hatten auch schöne Musik, machten auch einige Spiele, Mühle u. Schach. Ich dachte oft an dich, wir waren auch in der Kirche. Wo wirst du dein Nachmittag verbringen mit Lore u. Walter, leider konnte Ich nicht zu Hause sein, sonst hätte ich auch gebacken für Kinder mußt halt beim Bäcker holen, bis ich komme. Wann Du bitte so höflich sein würdest, wegen dem abholen bestimmten Tages, natürlich den Koffer muss auch gerichtet werden, will nun schließen. Auf baldiges Wiedersehn. Vielen Dank für die Wäsche, die Du gebracht hast, besten Dank für die Praline u. Obst. Du geehrter Herr wirst wissen, daß dein Hochzeittag am 16. Januar ist? Wirst Deine Feiertage gut rumbringen Deine l[iebe] Klara”

Das macht den Eindruck einer sprachlich unbeholfenen, aber liebevoll ihrer Familie zugewandten Briefschreiberin. Weder diese wenigen Zeilen noch die erhaltenen Bilder lassen an eine unheilbare Geisteskrankheit glauben. Aber wenn auch, wer gibt Ärzten damals oder heute das Recht, so mit den ihnen anvertrauten oder bei ihnen Hilfe suchenden Patienten umzugehen?

Cannstatter Stolperstein-Initiative, Rainer Redies

Quelle:

[1] http://www.stolpersteine-cannstatt.de [Stand 04.04.2016]