Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Wohnhaus

Ich heiße Rosa Lieb. Am 12. Jänner 1923 erblickte ich in der Stadt Salzburg das Licht der Welt. Ich wohnte mit meinen Eltern und mit meinen beiden Geschwistern in der mittelalterlichen Herrengasse, die in der Altstadt am Fuß der Festung Hohensalzburg liegt. Unsere Wohnung im 1. Stock war gemütlich und geräumig. Am Vormittag schien die Sonne durch die Fenster, die zur Gasse hin ausgerichtet waren. Mein Bruder Karl war zwei Jahre älter als ich. Er war mir ein fürsorglicher Spielgefährte und er beschützte mich vor vielerlei Gefahren. Meine Schwester Frida war drei Jahre jünger. Sie verfolgte mich auf Schritt und Tritt und hing ständig an meinem Rockzipfel. Wenn wir draußen spielten, saßen wir oft auf den Treppen des Stieglkellers und schauten dem bunten Treiben auf der Straße zu. Oder wir spielten unsere Treppenspiele mit und ohne Ball.

StiegelkellerMeine Kindheit war sonnig und unbeschwert. Die Eltern führten eine liebevolle, harmonische Ehe. Meinungsverschiedenheiten regelten sie, wenn wir Kinder längst schliefen. Eines der schönsten Erlebnisse waren unsere Wanderungen durch die Hellbrunner Allee hinaus zum Schlosspark. Die mächtigen Kastanien und sonstigen Laubbäume zu beiden Seiten des Weges spendeten in der Sommerhitze kühlenden Schatten. Wenn die riesigen Karpfen wie Urzeitfische ihre schwulstigen Münder aus der Wasseroberfläche des Schlossteiches reckten, lief mir immer ein leichter Schauer über den Rücken. Vor dem Schloss in Hellbrunn gab es einen Eisstand und manchmal bekamen wir eine Kugel Eis als Stärkung für den langen Rückweg. Meistens hatten meine Eltern aber nicht viel Zeit für uns Kinder. Mein Vater arbeitete von früh bis spät in der Kunstschlosserei gleich nebenan. Meine Mutter war Schneiderin und nähte in Heimarbeit Auftragsarbeiten für ein Modefachgeschäft am Universitätsplatz. Manchmal half sie auch beim Gemüseverkauf am Grünmarkt aus. So hatten wir ein spärliches Auskommen, mussten aber keine Not leiden. Wir hatten kaum Ansprüche und lebten bescheiden.

VolsschuleDie Volksschule besuchte ich im nahen Nonntal hinter dem Stift Nonnberg. Sie lag zu Fuß ungefähr eine Viertelstunde von zu Hause entfernt. Mein Schulweg führte durch die belebte Kaigasse. Einem Auto zu begegnen war eine Besonderheit. Ich hatte zu Hause gerne mit meinem Bruder bei den Hausaufgaben mitgelernt. So bot mir die Schule anfangs nichts wirklich Neues. Umso mehr Zeit hatte ich, das Verhalten meiner Lehrerin eingehend zu studieren. Sie stand kurz vor der Pension und hatte einen ausgeprägten Hang zur Gewalttätigkeit. Sie konzentrierte sich mit ihren Schikanen genau auf jene Schüler, die es aus dem einen oder anderen Grund sowieso schon schwerer hatten als ihre Mitschüler. Wer zu spät in den Unterricht kam, bekam für jede Minute eine Ohrfeige verpasst. Wer beim Schwätzen erwischt wurde, musste zur Strafe in der Ecke knien. Ich selbst war eine ausgezeichnete Schülerin und verhielt mich möglichst so unauffällig, dass mich ihr strafender Blitz der Vergeltung nicht treffen konnte. Außer bei ihren gefürchteten Kollektivmaßnahmen. Da mussten wir strafweise schweigend durchs Schulhaus exerzieren, weil wir am Weg zur Turnhalle nicht absolut leise waren. Bis die beliebte Turnstunde vorbei war. So nahm ich im Laufe der Monate und Jahre unmerklich Schaden. Ich hatte eine dünnhäutige seelische Konstitution. Zu starke Sinneseindrücke konnten mich richtiggehend verwunden. Laute, böse und vergiftete Worte schnitten mir wie ein Messer ins Herz. Absichtliche Ungerechtigkeiten, auch wenn sie andere betrafen, konnte ich nicht ertragen. Ich hatte keine Erfahrung mit verbitterten und bösen Machtmenschen. So litt ich unter der täglichen Konfrontation mit meiner Lehrerin. Und irgendwann wurde ich sehr krank. Ich zog mir letztendlich eine schwere Lungenentzündung zu. Ich wurde in das St. Johannes-Spital in Salzburg eingeliefert und hatte diese Krankheit nur knapp überlebt. Das war im Jahr 1932. Meine Eltern und meine Geschwister kamen sooft als möglich zu Besuch. Nachdem ich gesundete, hatte ich im Endeffekt ein ganzes Schuljahr verloren. Ich durfte nun die vierte Klasse Volksschule in einer anderen Klasse besuchen. Meine neue Lehrerin war jung, nett, einfühlsam und fröhlich. Plötzlich befand ich mich in einer neuen Welt und begann wieder aufzublühen.
Und dann kam schleichend die Krankheit. Sie begann mit morgendlichen somatosensorischen Anfällen nach dem Aufwachen. Es kribbelte und brannte am ganzen Körper und meine Gliedmaßen fühlten sich taub an. Nach dem Frühstück, wenn ich mich längst auf meinem Schulweg befand, war wieder alles vorbei und vergessen. Ich besuchte jetzt die Städtische Hauptschule im Nonntal und war eine vielseitig begabte und interessierte Schülerin. Und ich hatte endlich viele gute Schulfreundinnen, die teilweise auch denselben Schulweg wie ich hatten.

Dann folgten nach einer längeren beschwerdefreien Zeit die ersten subjektiven Symptome, die nur von mir selbst als Betroffene wahrgenommen werden konnten. Während des morgendlichen Schulweges spürte ich öfter ein aufsteigendes Gefühl des Unwohlseins, das von der Magengegend ausging. Diese „Aura“ ging dann über in ein allgemeines Schwindelgefühl und mir verschwamm alles vor den Augen. Einmal musste ich mich deswegen bei der Bäckerei vor dem Gasthaus Hinterbrühl auf den Boden setzen. Eine Verkäuferin brachte mir ein Glas Wasser, worauf ich mich schnell wieder erholte. Doch mir war nun klar, dass etwas ganz Wesentliches mit mir nicht in Ordnung war.
Meine Mutter vereinbarte für mich einen Termin bei unserem Hausarzt Dr. Heinz in der Philharmonikergasse. Er untersuchte mich ausführlich, konnte aber nichts finden. Er führte meine „Zustände“ auf mein schnelles Wachstum zurück und verschrieb mir Nerventropfen. Kurz darauf hatte ich meinen ersten myoklonischen Anfall. Ich verschüttete am Frühstückstisch den Inhalt meiner Teetasse, weil ich meine unwillkürlichen Muskelzuckungen und die unkontrollierbaren Bewegungen meiner Hände nicht in den Griff bekam. Im September 1937, am Beginn meines vierten Schuljahres in der Hauptschule, wurde ich für einige Tage zur Beobachtung in die Frauenabteilung der Landesheilanstalt in Salzburg-Lehen überwiesen, um meine Krankheit eingehender zu untersuchen.

GfoellnerDr. Hans Gföllner war der ärztliche Leiter der Frauenfachabteilung und schaffte es nach Kriegsende, seine Hände reinzuwaschen, indem er seinen Vorgesetzten Dr. Leo Wolfer anschwärzte. Durch vorgebliche Kooperation ging er straffrei aus. Er war damals 39 Jahre alt und diagnostizierte in meinem Falle erbliche Fallsucht (Epilepsie). Diese Krankheit kann nach heutiger Forschungslage aber gar nicht weitervererbt werden. Dieser Arzt wusste durchaus, dass ich mit dieser Diagnose unter das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses fallen würde, sobald Österreich von Nazi-Deutschland heim ins Reich geholt worden war. Dieses Gesetz war seit 1. Jänner 1934 in Kraft und erlaubte es dem NS-Regime, folgende Erbkranke zur Sterilisation zu zwingen: angeboren Schwachsinnige, Schizophrene, zirkulär (manisch- depressiv) Irre, erblich Fallsüchtige, erblich Blinde, erblich Taube, schwer erblich körperlich Missgebildete und schwer Alkoholkranke. Und schon gehörte ich zu einer neuen Kategorie von minderwertigen Kreaturen. Man bezeichnete uns einfach als „Ballastexistenzen“. So war ich ins Fadenkreuz der militant-fanatischen Rassehygieniker geraten. Man nannte Menschen wie mich ab 1939 auch Menschenhülsen, geistig Tote, Defektmenschen, Volksschädlinge, Missgebildete, Desinfektionskandidaten, Vollschmarotzer, Infektionsquellen, Untermenschen, Unkraut, Minusvarianten oder unwertes Leben.

Ich wurde von Dr. Gföllner mit Gaben von Phenobarbital behandelt, was meine Symptome aber eher verschlimmerte. Nach elf Tagen wurde ich in die häusliche Pflege entlassen. Und ich war stigmatisiert. Doch noch war ich in Sicherheit. Die Aktion T4, in Insiderkreisen mit „Aktion Vorverlegung des Todeszeitpunkts“ übersetzt, war erst in der Vorbereitungsphase. Ich durfte in die Schule gehen, musste aber wegen meiner Krankheit leider immer wieder tagelang zu Hause bleiben. Nun überfielen mich des Öfteren Absence-Anfälle. Es begann meistens damit, dass sich mein Bewusstsein langsam eintrübte. Dann verfiel ich in krampfartige Automatismen und Körperzuckungen. Manchmal wurde ich ohnmächtig. Die Landesheilanstalt besuchte ich in dieser Zeit nur tageweise ambulant und in Begleitung meiner Mutter. Ihre Sorgen um mich fraßen sie innerlich fast auf. Auch mein Vater machte sich große Sorgen, konnte dies aber nicht so zeigen. In der Zeit vor Ostern 1939 hatte ich meinen ersten „großen Anfall“. Damals konnte ich gerade regelmäßig die Schule besuchen. Schon beim Frühstück hatte ich an diesem Tag mein „Vorgefühl“.
Leichte Übelkeit stieg von meinem Magen aus nach oben. Aber ich wollte nicht schon wieder klein beigeben. Heute gab es in der Schule ein besonders spannendes Programm. So begab ich mich doch auf meinen Schulweg. In der Kaigasse wurde mir plötzlich schwindelig, meine Muskeln krampften und versteiften sich. Ich wurde ohnmächtig und schlug hart mit meinem Hinterkopf auf den Pflastersteinen auf. Dann überfielen mich die unkontrollierbaren Zuckungen. Die Arme, die Beine, die Zunge: alles an mir zuckte. Es sammelte sich Schaum vor dem Mund und mein Gesicht verfärbte sich leicht bläulich. Vorbeikommende Passanten stürzten herbei, hoben mich auf und trugen mich zur Erstaufnahme in das gegenüberliegende Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Dort wurde ich stationär aufgenommen. Ich schlief nun stundenlang den Schlaf der Gerechten und konnte der Schwester erst am Abend sagen, wo meine Eltern wohnten. Diese machten sich längst unendliche Sorgen, weil ich weder in der Schule noch zu Hause angekommen war. Tags darauf konnte ich wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Meine Krankheit hatte mich nun über eine Schwelle getragen, wo eine verantwortliche Pflege zu Hause für meine Eltern nicht mehr möglich und zumutbar gewesen wäre.

LHA SalzburgAm 6. Mai 1939 wurde ich von ihnen schweren Herzens auf Dauer an die Frauenabteilung der Landesheilanstalt Salzburg-Lehen übergeben. Dort hatte ich die beste Betreuung, die besten Heilungschancen und konnte gleichzeitig eine Ausbildung zur Gartenhilfskraft absolvieren. Zwei wichtige Dinge, die mich an zu Hause erinnerten, hatte ich in die Heilanstalt mitgenommen: den Teddybären aus Kinderzeiten und mein Lieblingsbuch „Die Höhlenkinder im heimlichen Grund“ von A. T. Sonnleitner aus dem Jahr 1918. Diese beiden Dinge gaben mir Halt und Sicherheit, wenn ich mich traurig oder alleine fühlte. Meine Eltern besuchten mich jedes Wochenende und langsam verbesserte sich mein Gesundheitszustand. Österreich schloss sich im Frühjahr 1938 tatsächlich an Nazi-Deutschland an, verlor seinen Status als eigenständiger Staat und wurde zur „Ostmark“. Der Führer Adolf Hitler unterzeichnete ein auf 1. September 1939 – gleichzeitig der offizielle Beginn des 2. Weltkriegs - rückdatiertes Dokument, das für mein weiteres Schicksal noch große Bedeutung erlangen sollte. Angeblich war ein verzweifelter Vater beim Führer vorstellig geworden. Er flehte ihn auf Knien an, sein mehrfach schwerstbehindertes Kleinkind durch einen Arzt von seinem Leiden erlösen lassen zu dürfen. Adolf Hitler gewährte ausnahmsweise aus Mitleid die Erlaubnis zum Gnadentod. Soweit der offizielle Argumentationsmythos. Tatsächlich hatte Adolf Hitler schon in seinem Buch „Mein Kampf“ die Grundprinzipien der Rassenhygiene mit den daraus resultierenden Konsequenzen dargelegt und so wurden schon im Jahr 1936 ganz konkrete Vorbereitungen für die Ausscheidung allen unwerten Lebens aus dem deutschen Volkskörper eingeleitet. Eine ärztliche Kommission von Spezialisten experimentierte längst mit behinderten Kindern. Langsames Aushungern bis zum Eintritt des Todes war zu langwierig, Giftspritzen waren zu kostspielig und nicht massentauglich. Letztendlich machte der Tod durch Vergasen mit Kohlenmonoxid das Rennen. 1937 begann man damit, die Logistik und Infrastruktur für die systematische Massenvernichtung von kranken und behinderten Menschen aufzubauen. 1939 gab es an vier Heilund Pflegeanstalten im ganzen Deutschen Reich samt der Ostmark rege bautätigkeiten. Gaskammern wurden installiert und Krematoriumsöfen wurden gemauert. Man hatte sich für die Einrichtung von vier zentralen „Tötungsanstalten“ beziehungsweise Mordfabriken entschieden, die jeweils eine Region des Deutschen Reichs abdeckten. Dorthin wurden ab 1940 die in einem vorgetäuschten Pseudo-Gutachterverfahren selektierten Patienten zur „Desinfektion“ verlegt. Die Beauftragung von Hitler war in einem formlosen Schreiben aus der Reichskanzlei abgefasst und lautete:
„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Diese Beauftragung erlangte niemals rechtsverbindlichen Charakter und war weder eine Weisung noch ein Befehl. Dadurch erfüllt bis heute auch nach den Rechtsnormen des nationalsozialistischen Staates jede einzelne der über 70.000 in den Tötungsanstalten durchgeführten „Desinfektionen“ den Strafrechtsbestand eines Mordes. Und Mord verjährt nicht. Nun wurde nach den namentlich zu bestimmenden Ärzten gesucht. Niemand, der gefragt wurde, wurde zur Teilnahme am großangelegten Projekt „Vorverlegung des Todeszeitpunkts“ gezwungen. Jeder konnte ohne Nachteile oder gar Repressionen das Angebot zum Mitwirken ausschlagen. Aber es gab anscheinend innerhalb der NSDAP, der SA und der SS eine Vielzahl von Ärzten, die sich dem „antihippokratischen Meineid“ verpflichtet fühlten: nicht Leben unter allen Umständen zu retten, sondern Leben wo immer möglich vorzeitig zu beenden. Bis auf besondere Ausnahmen waren alle rekrutierten Mordärzte männlich und zwischen 25 und 35 Jahre alt. Sie wollten auf der Karriereleiter möglichst schnell nach oben klettern. Dafür war ihnen jedes Mittel recht. Sie hatten ein übersteigertes Bedürfnis nach Ansehen und Macht. Und sie wollten auf einfache Weise dreimal so viel verdienen wie normale Ärzte. Die meisten von ihnen wurden für ihr mörderisches Handwerk nie zur Rechenschaft gezogen. Sie verfügten auch nach dem Krieg über gut funktionierende Seilschaften und Netzwerke, die sie schützten und die ihnen weiterhalfen. Bei Einvernahmen gaben die Mord- und Vergasungsärzte immer zu Protokoll, sie hätten aus Mitleid mit den Patienten gehandelt. Es wurde eine eigene Organisation eingerichtet, die als strengste Geheimsache behandelt wurde und direkt der Kanzlei des Führers unterstand. Sie hieß „Aktion T4“. T stand für „Tötungsanstalt“ und 4 für die vier großen Regionen, die jeweils durch eine Mordfabrik abgedeckt wurden. Schloss Hartheim bei Linz war für die Ostmark und den südbayrischen Raum zuständig.

Mir ging es in dieser Zeit von Tag zu Tag besser und ich konnte von den Machenschaften der Verantwortungsträger nichts wissen. Ich hatte in der Zwischenzeit richtiggehend Freundschaft geschlossen mit drei „Ballastnaturen“, die auch in meiner Station untergebracht waren. Es waren dies für mich schon ältere bis alte Frauen. Ich war mit meinen sechzehn Jahren bei Weitem die jüngste Patientin in der Frauenabteilung. Ich nannte die drei die „Anna-Bande“, weil sie alle den Vornamen Anna hatten. Anna Maria Wahl war die älteste von ihnen. Sie war schon 69 Jahre alt und man merkte ihr an, dass sie aus gehobenen Verhältnissen stammte. Früher wohnte sie bei ihrer Mutter in der Faberstraße in Salzburg. Ihr Großvater Franz Zeller war Vize-Bürgermeister in der Stadt Salzburg, ihr Onkel Dr. Albert Schumacher war Landeshauptmann des Bundeslandes Salzburg. Anna Maria, die ledig


Dieser Roman ist bis ins Detail sachlich, zeitgeschichtlich und geographisch authentisch. Die Titelheldin Rosa Lieb ist eine fiktive Romanfigur. Sie repräsentiert das Schicksal von über 180.000 wertvollen Menschen, die uns auf unvorstellbare Art und Weise entrissen wurden. Ihr historisches Vorbild aus der Wirklichkeit ist die Salzburgerin Rosa Leeb, deren Geschichte erst nach der Jahrtausendwende dokumentiert und aufgeschrieben wurde. Die angeführten Schriftstücke, die den „Desinfektionsprozess“ von Rosa Lieb im Roman dokumentarisch belegen und veranschaulichen sollen, sind bewusst Fälschungen. So wie damals die staatlichen Behörden und Mordanstalten selbst alle Unterlagen gefälscht hatten, um die Angehörigen ohne mit der Wimper zu zucken zu täuschen, zu belügen und zu betrügen und alle Spuren möglichst endgültig zu verwischen, sollen diesmal die Fälschungen dazu dienen, um für die  Opfer ihr Recht auf Wiedergutmachung einzufordern – und sei es die ideelle Verantwortung eines jeden Einzelnen von uns, ihr Schicksal niemals zu vergessen und stets im Bewusstsein zu behalten, wie schnell die große  Menschenverachtung durch die banale Strategie der Ausrottung unerwünschter Zeitgenossen wieder in Mode kommen wird.


Der Zugang des Autors zu diesem Thema:
Dieses Buch ist gekennzeichnet durch einen besonderen Umgang mit den Traditionen zeitgeschichtlicher Forschung. Mir ist bewusst, dass meine persönlichen Erfahrungen den Raum meines theoretischen und literarischen Zugangs zur Thematik definieren. Die Geschichte verändert sich durch meine beim Schreiben gemachten Erfahrungen und beginnt ein Eigenleben zu führen, das auf unterschiedlichen, recht komplexen Erfahrungshorizonten verläuft. Dieser Roman stellt einen alternativen Ansatz der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung und Aufarbeitung dar, der sich einer anderen, im europäischen Forschungskontext ungewöhnlichen Tradition verpflichtet fühlt. Die Darstellungen
der Begegnungen von und mit Rosa Lieb sind meine ganz persönliche Alternative zu einem traditionell hegemonialen Zugang zur zeitgeschichtlich-historischen Forschung. Die Dynamiken zwischen Tätern – Opfern – Zuschauern
sollen nicht moralisierend festgeschrieben werden, und doch soll Position bezogen werden. Meine persönlichen Erfahrungen formieren den theoretischen Raum, innerhalb dessen es mir möglich ist, mich beim Schreiben zu bewegen. Die Offenlegung meiner eigenen biografischen Erfahrungen ist ein Wagnis, das ich einzugehen bereit bin, um zu zeigen, dass der eigene Erfahrungshorizont zwar als „Schreibauslöser“ fungiert, die Geschichte von Rosa Lieb aber als zeitgeschichtliche Referenz eine allgemeingültige Herausforderung formuliert, die jede/n Leser/in oder Nichtleser/in betrifft. Jede/r muss sich seiner individuellen aus diesem Kontext konkretisierten politischen Verantwortung stellen. Denn das „1. Zeitgeschichtliche Hauptgesetz“ scheint unumstößlich: Wer in der Demokratie schläft, erwacht ganz schnell in einer Diktatur.

 

Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Hubert Mitter, 13.06.2019

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