Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Idendität wieder geben.


Rita Gerszt, geborene Dajczer, betrieb in der Südtstadt ein Wäschegeschaft und hatte sich zusammen mit ihrem Mann Izchok Gerszt der KPD angeschlossen. 

Izchok Gerszt, geboren am 16.10.1901 in Polen, war 1920 nach Deutschland eingewandert, arbeitete als Schneider und Reisender für eine Herenschneiderei und hatte sich später mit einer Lohnschneiderei selbstständig gemacht. Politisch engagierte er sich in Polen zunächst im sozialistischen „Bund“, in Wuppertal trat er 1924 in die KPD ein. Bis 1933 war er u.a. im Vorstand des jüdischen Arbeiter-Kultur- Vereins an der Klotzbahn engagiert. Dort traf sich der Teil der (ost)jüdischen Community, die Lohnschneider und kleinen Selbstständigen aus dem Umkreis des Textil-Zentrums in der Hofaue, die sich der organisierten Arbeiterbewegung zugehörig fühlten. Zusammen mit den Wuppertaler Widerstandskämpfern Ewald Funke, Jukiel Gilberg, Karl Ibach und Friedrich Senger und anderen arbeitete Izchok Gerszt seit 1931 im AM-Apparat der KPD und hatte u.a. Kontakte zu antinazistischen Polizeibeamten aufgebaut. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten organisierte er zusammen mit seiner Frau Rita Gerszt Geldsammlungen bei jüdischen Sympathisanten der Arbeiterbewegung zur Finanzierung der illegalen Arbeit und Treffs für die illegale Arbeit. Izchok Gerszt wurde im Zuge der 3. Verhaftungswelle der „Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse“ am 30. Juni 1936 verhaftet. Durch die Aussagen von Mitgefangenen erfuhr die Gestapo von der illegalen Arbeit und das Oberlandesgericht in Hamm verurteilte ihn zu 4 Jahren Zuchthaus. Izchok Gerszt wurde zunächst 4 Jahre in den Zuchthäusern in Herford und Siegburg festgehalten.

Das Polizeipräsidium in Wuppertal betrieb nach dem Haftende die „Ausweisung“. Yzchok Gerszt wurde in Schutzhaft genommen und  nach Auschwitz deportiert. Dort starb er, so die amtliche Bescheinigung, am 13. Januar 1945. Andere Quellen berichten, dass Gerzst einige Tage später auf einem Todesmarsch, nur wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, ums Leben gekommen ist.

Auch seine Frau Rita Gerszt, geborene Deutscher (Dajczer), ebenfalls Mitglied der KPD, und die im Juni 1936 vier Monate alte Tochter Stephanie gerieten in die Mühlen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Ein letzter Versuch, die vorzeitige Freilassung ihres Ehemanns zu erwirken, scheiterte.

Am 30. Juni 1939 verfasste Rita Gerszt ein Gesuch für die Freilassung ihres Ehemanns an den Generalstaatsanwalt in Hamm:

„Ich habe zum 30. 6.1939 meine Ausweisung aus dem deutschen Staatsgebiet erhalten und richte deshalb die flehentliche Bitte an Sie, meinen Mann den letzten Rest seiner Strafe zu erlassen, damit wir zusammen auswandern können und mein Kind den Vater wieder hat (..) Ich befinde mich in einer ganz verzweifelten Lage, und ich weiß nicht wohin ich mich mit meinem 3jährigen Kindchen ohne meinen Mann wenden könnte. Statt dessen besteht bei einer Freilassung meines Mannes die Möglichkeit von seinen Verwandten in USA die Bürgschaft zur Einreise nach dort zu erhalten. Hierzu liegt auch beim Amerikanischen Konsulat unter Nr. 3153 der poln. Quote die Registrierung vor.“

Das Gnadengesuch wurde trotz „guter Führung“ im Zuchthaus Herford abgelehnt: „G. ist staatenloser Jude. Er hat noch mehr als 1 Jahr Strafe zu verbüßen.“ Rita Gerszt wurde 1939 wegen  für 4 Wochen inhaftiert. Nach der Haft floh sie mit ihrer Tochter nach Belgien.

Stephanie Gerszt berichtete 2008:

„Meine Mutter und ich verliessen Deutschland (.) mitten in der Nacht und überquerten zu Fuß die deutsch-niederlänische Grenze mit Hilfe eines Guides. Nach einem längeren Aufenthalt in den Niederlanden fuhren wir mit dem Zug nach Brüssel, wo die Schwester meiner Mutter, Helen Mandelbaum, in einem kleinen Appartement mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern lebte.“

Da auch Belgien von den Deutschen besetzt war und die Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung anliefen, organisierte Rita Gerszt mit Hilfe ihrer Schwester ein sicheres Versteck für sie selbst und ihre Tochter. Sie wollten sich nur noch von ihren Verwandten und Freunden in Brüssel verabschieden, als die Gestapo zuschlug. Rita Gerszt wurde festgenommen und abgeführt. Im Durcheinander der Razzia konnte das fünfjährige Kind aus der Wohnung laufen. Sie lief lange durch die Straßen von Brüssel und fand dann die Wohnung ihrer Tante wieder. Helen Mandelbaum wandte sich an eine jüdische Hilfsorganisation und fand für Stephanie Gerszt ein Versteck in einem Waisenhaus. Das „Comite de defense des juifs“ versteckte Stephanie unter falschen Namen in einem Waisenhaus in Forest.

Den jüdischen Fluchthilfeorganisationen gelang es in diesen Jahren Tausende von jüdischen Kindern dem Zugriff der Nazimörder zu entziehen. Stephanie Gerszt wurde mit zahlreichen anderen jüdischen Kindern von den Alliierten Armeen 1944 befreit. Bei Kriegsende wurde sie für drei Monate in einem katholischen Kloster und anschließend in einem Waisenhaus untergebracht, das von einer jüdischen Organisation geleitet wurde, die die Einreise der jüdischen Waisenkinder nach Israel vorbereitete. Kurz vor der Abreise nach Israel intervenierte ein Onkel von Stephanie, George Gerszt, der in den USA lebte. Stephanie Gerszt erhielt die Einreiseerlaubnis in die USA und im Juni 1948 konnte sie in die USA einreisen.

In ihren Wiedergutmachungsantrag vom 10.1.1967 schrieb sie u.a.: „Ich stand als Kind allein und verlassen in Belgien, und ich konnte nur durch die großzügige Hilfe von jüdischen Hilfsorganisationen mein Leben retten.“ Weitere Angaben konnte sie nicht machen, „da mein Erinnerungsvermögen durch die entsetzlichen Erlebnisse in meiner Jugend in einem sehr großen Ausmaße gelitten hat.“

Rita Gerszt wurde nach der Verhaftung in Brüssel nach Deutschland gebracht und in Düsseldorf vom Sondergericht zu 4 Monaten Gefängnis wegen angeblicher Devisenvergehen (Heimtücke) verurteilt. Vom 7.Juni 1940 -9. Oktober.1940 war sie im Gefängnis. Anschliessend wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück transportiert. Nach amtlichen Angaben kommt sie am 30.6.1942 im Lager ums Leben. Das Gedenkbuch für die Opfer von Ravensbrück verzeichnet unter dem Namen Rita Gerozt ihren Tod am 29.5.1942 in der T 4 Anstalt Bernburg.

Rita Gerszt gehört zu den ca. 1.600 Ravensbrücker Häftlingen, die im Vernichtungsprogramm „14 f 13″ mit Kohlenmonoxid vergast und verbrannt wurden. Von den etwa 14.000 Menschen, die dort verbrannt und vergast wurden, konnten 1947 bisher nur 80 Urnen aufgefunden werden, die aber keinen Namen, sondern nur eine Nummer tragen. Die Urnen sind halb gefüllt mit Flugasche, die mit Leichenbrand vermischt sind. Auch für Rita Gerszt gibt es keine Grabstätte.

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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