Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Lehnkering AnnaAnna kommt während des 1. Weltkrieges am 2. August 1915 als drittes Kind des Friedrich Lehnkering und seiner Frau Anna in Sterkrade (heute Oberhausen) zur Welt. Anna, die in der Familie auch Änne genannt wird, hat zwei ältere Brüder, geboren 1911 und 1913 und einen jüngeren Bruder, geboren 1920. Ihre Eltern stammen aus gutbürgerlichem Milieu im Ruhrgebiet im Ruhrgebiet und betreiben dort eine Gaststätte.  In Annas Patiententakte aus Bonn finden sich Hinweise auf ihre Entwicklung im Kinder- und Jugendalter. „Die Geburt verlief normal. Gehen und sprechen mit 13 - 15 Monaten. Bis zum 4. Lebensjahr entwickelte sich das Kind normal und sehr gut.

Dann merkten die Eltern plötzlich, dass das Mädchen unruhig wurde. Es kam nachts an die Tür des Zimmers der Mutter und war dann sehr verängstigt. Wurde schreckhaft, zitterte häufig am ganzen Körper.“ Als verhängnisvoll für die Familie erweist sich die Alkoholkrankheit des Vaters, die vermutlich durch das berufliche Umfeld zusätzlich gefördert wird. Der frühe Tod des Vaters 1921 ist ein schwerer Einschnitt. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich der gesundheitliche Zustand der damals sechsjährigen Anna deutlich verschlechtert. Als Anna 16 Jahre alt ist, wird sie in der Kinderklinik in Bonn untersucht. Die Diagnose lautet „Schwachsinn erheblichen Grades“. In Bezug auf ihren schulischen Werdegang ist zu erfahren: „Wurde von der Volksschule nach kurzer Zeit der Hilfsschule überwiesen. Kam dort aber auch nicht gut mit. Blieb in der Schule bis zum 14. Lebensjahr. Versteht alles, was man ihr sagt. Ist willig, folgsam, verträglich. Kann lesen, schreiben und rechnen, das letztere nur sehr schlecht. Ihre Schul- und Allgemeinkenntnisse werden als sehr gering eingestuft werden. Ihre Gedächtnisleistungen liegen etwa auf dem Niveau eines elfjährigen Mädchens. Gleichzeitig wird vermerkt, dass sie charakterlich gutmütig und willig sei und wohl erzieherisch in keiner Hinsicht Schwierigkeiten bereiten dürfte.

„Zu Hause kann sie ganz gut mithelfen. Kann auch Besorgungen und Einkäufe erledigen“, heißt es in der Akte. So verbringt Anna die nächsten Jahre im Elternhaus und verrichtet leichte Hausarbeiten, die in dem großen Geschäftshaushalt natürlich immer anfallen. Ihre jüngeren Brüder erleben sie in jener Zeit als ein liebes, sanftmütiges Mädchen, als hilfsbereite große Schwester, die gerne mit ihnen spielt.  Die 16-jährige Anna wirkt auf die Untersuchenden infantil und ängstlich. Sie wird als schüchtern, ruhig und zurückhaltend beschrieben und wirkt in allem, was sie tut und spricht außerordentlich langsam und antriebsarm. Gleichzeitig wird vermerkt, dass sie charakterlich gutmütig und willig sei und wohl erzieherisch in keiner Hinsicht Schwierigkeiten bereiten dürfte. Bis zu Annas 19. Lebensjahr wächst sie alles in allem - trotz der vielen Arbeit und Hektik des Geschäftshaushalts - in einer behüteten Welt auf.

Am 2. November 1935 wird Anna auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Ev. Krankenhaus der Stadt Mülheim an der Ruhr zwangssterilisiert. Nur ein Jahr später - im Dezember 1936 – wird sie in die Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau eingewiesen. Die Diagnose dort unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Bonner Diagnose. Sie lautet: „Angeborener Schwachsinn. Ursache: Erblichkeit. Die geistige Störung ist von Anfang an als Schwachsinn aufgetreten.“ Zwischen Dezember 1936 und Februar 1940 gibt es viele Eintragungen in Annas Krankenakte, die ihren seelischen und körperlichen Verfall dokumentieren. Sie sind teilweise in einer unsäglichen Sprache verfasst, weit entfernt von dem, was wir heute unter einer medizinischen Fachsprache verstehen. Zwischen den Zeilen kann man lesen, wie verzweifelt Anna gekämpft und gelitten haben muss. Am Tag ihrer Aufnahme ist sie noch ruhig und verträglich. In den ersten Wochen weint sie viel, möchte nach Hause. Dann wird sie als zunehmend schwierige Patientin beschrieben. Es heißt unter anderem: Sie „verweigert die Arbeit, hetzt andere Kranke auf“, ist „unsauber“ und „muss zur Ordnung angehalten werden“. Sie „ist weder im Schälkeller noch in der Feldkolonne zu gebrauchen“. Wie verräterisch Sprache sein kann, zeigen Vermerke wie „sie plärrt, sie ist läppisch“. Der Gipfel menschenverachtender Bemerkungen ist die Notiz, dass Anna „lästig“ sei. Weder Anna noch ihre Familie ahnen, dass Hitler im Herbst 1939 verfügt hat, man könne unheilbaren Kranken den "Gnadentod" (Euthanasie) gewähren. Im Rahmen der „Aktion T4“ werden alle Heil-und Pflegeanstalten „planwirtschaftlich“ erfasst und erhalten zu „statistischen“ Zwecken Meldebögen, anhand derer die Patienten und Patientinnen zur Tötung ausgesucht werden. Anna erfüllt die Selektionskriterien ihrer Mörder perfekt: Sie gilt als erblich krank und unheilbar, ist eine schwierige Kranke - vor allem - sie leistet keine produktive Arbeit. Damit ist sie im Sinne der NS-Rassenhygiene ökonomisch unbrauchbar, eine „nutzlose Esserin“, die als „lebensunwerter“ Mensch zur Vernichtung freigegeben werden kann.

Anna ist eine von fast 2.000 Patientinnen und Patienten, die innerhalb weniger Tage im Rahmen von Massenverlegungen aus Bedburg-Hau „verlegt" werden, um Platz für ein Marinelazarett zu schaffen. Man deportiert sie und mehr als 450 Frauen und Männer am 6./7. März 1940 nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Anna ist 24 Jahre alt, als ihr Leben am 7. März 1940 in der Gaskammer von Grafeneck ausgelöscht wird. Sie ist eine von etwa 300.000 Menschen, die den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen zum Opfer fielen. Das war kein „Gnadentod", sondern grausamer Massenmord. Die Opfer jedoch waren keine anonyme Masse. Sie alle hatten – wie Anna - Namen und Gesicht und jeder für sich ein einzigartiges, unwiederbringliches Leben. Es ist an der Zeit, die Geschichten dieser Menschen zu erzählen, um ihr Andenken zu ehren! Wenn aus ihrem Tod irgendetwas Gutes erwachsen könnte, dann die Gewissheit, dass sich Derartiges nie wiederholen darf!

Verfasst von Sigrid Falkenstein.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Mehr Informationen auf der Webseite der Autorin

Quelle:

[1] https://www.gedenkort-t4.eu [Stand 28.01.2019]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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