Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Seine Mutter war nicht verheiratet. Sein Vater war von Beruf Werkzeugmacher; er kümmerte sich offenbar zu keiner Zeit um den Sohn. Als Dieter im Januar 1943 in die Nervenklinik für Kinder „Wiesengrund“ in Berlin-Reinickendorf aufgenommen wurde, arbeitete seine Mutter dienstverpflichtet in einem Rüstungsbetrieb.
Bereits kurz nach der Geburt war Dieter für einige Wochen in das Waisenhaus in Berlin-Kreuzberg gegeben worden. Es folgte ein Aufenthalt in einem Berliner Säuglingsheim, und Ende 1941 kam er in das Säuglingsheim Marienstift bei Wartha in Oberschlesien. Die Mutter hatte offenbar nur wenig Interesse an dem Kind gezeigt. Immerhin konnte sie bei der Aufnahme in die Nervenklinik „Wiesengrund“ aber angeben, dass Dieter bis zu seiner Überführung nach Schlesien bei ihren Besuchen im Heim ganz gesund und munter gewesen sei. Er habe sich bis zu diesem Zeitpunkt günstig entwickelt.
Gleiches geht auch aus den Unterlagen des Jugendamtes Neukölln hervor, in denen Dieter als mittelkräftiger, gesunder und gut gedeihender Säugling beschrieben wurde.
Erst in einem Bericht des Marienstifts von Ende August 1942 ist die Rede davon, dass Dieter in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung zurückgeblieben sei. Der zweijährige Knabe konnte weder sitzen noch gehen und wurde als „äußerst bösartig“ beschrieben. Das Jugendamt überwies ihn daraufhin in die Nervenklinik „Wiesengrund“ in Berlin-Reinickendorf. Im dortigen Aufnahmebefund wurde Dieter am 22. Januar 1943 so beschrieben: „Sehr elender Allgemeinzustand, körperlich weit hinter dem Alter zurück; kachektischer [körperlich geschwächter] Zustand.“ Im psychischen Befund hieß es: „Greift nicht nach Gegenständen, erwidert wohl gelegentlich den Blick etwas lächelnd, sonst kein weiterer Kontakt möglich.“ Die Diagnose lautete: „Schwere Entwicklungsstörung auf Grund organischer Gehirnschädigung ungeklärter Ätiologie (Ursache).“
In den Pflegeberichten wurde Dieter als „schmächtiges Kerlchen“ beschrieben, das in einem ungepflegten Zustand aus dem Säuglingsheim übernommen worden war. Über etwa sechs Wochen wurde er in der Klinik beobachtet. Schließlich kam der leitende Arzt Ernst Hefter zu dem Schluss, dass es sich bei dem Jungen um einen Fall „unwerten Lebens“ handele, das in der Kinderfachabteilung der Klinik durch Medikamentenvergiftung beendet werden sollte. Nur in einer Hinsicht hatte Dieter noch einen Wert für die Ärzte. Er wurde – wie auch andere Kinder – zu einem reduzierten Pflegesatz als Proband bei der Erprobung einer Tuberkuloseschutzimpfung benutzt und deshalb zunächst von der Tötung zurückgestellt. Infolge der Impfung entwickelte sich in Dieters Oberschenkel ein riesiger Eiterabszess, an dem der völlig abgemagerte Junge in seinen letzten Lebenswochen unsagbar gelitten haben muss. Am 16. August 1943, etwa fünf Monate nach der Impfung, starb Dieter in der Klinik „Wiesengrund“ angeblich an den Folgen von „Masern bei allgemeiner Auszehrung“.

 

Die Biografie wurde von Thomas Beddies erarbeitet.

Quelle:

[1] http://www.gedenkort-t4.eu [Stand 21.08.2015]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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