Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Rede von Susanne Rohatsch am 8. Mai 2007 anlässlich der Stolpersteinverlegung:

Ich habe ihn nicht mehr gekannt, weiß aber, daß er sich noch acht Monate an mir, seiner Nichte erfreut hat und mich auch oft im Kinderwagen spazieren fuhr.  Er kam nämlich jedes Wochenende zu Fuß von Stetten zu seiner Familie und hat sein Leben auch mit ihr hier geteilt. In Stetten hatte er eine Arbeit in der Landwirtschaft und war trotz seiner schweren Krankheit bekannt als Scherzbold und Leseratte. Leider konnte er überhaupt nicht rechnen und war auch sonst so kindlich geblieben, daß man zu den damaligen Zeiten nichts anderes mit ihm anzufangen wußte, als ihn in eine Anstalt zu bringen.

Bis vor kurzem war nur dieses vom Onkel Ernst in meinem Kopf, begleitet von einem unendlichen Mitleid mit meiner Oma, die hintereinander zwei Söhne verloren hatte. Und nun tritt ein mir ganz unbekannter Mensch, der Künstler Gunter Demnig mit seinen Helfern auf und holt meinen Onkel aus der Versenkung. Ich beschäftige mich jetzt nochmal mit ihm und spüre wie ich immer mehr mit diesem Onkel Ernst verbunden bin. Ich spüre eine warme Liebe für ihn und den Wunsch, ihn wiederzusehen.

Der heutige Tag wäre ein Freudentag für unsere Großeltern und meine Eltern geworden, doch sie mußten sterben mit dem traurigen Gedanken, daß ihr Sohn und Bruder vergast wurde und daß der Schlußstrich ein Beileidsschreiben der Landesregierung war zusammen mit einer Urne, als Todesursache hatte man nicht Vergasung sondern "Gürtelrose" eingetragen.

Meine Großeltern hatten  auf dem Untertürkheimer Friedhof für ihren jüngsten Sohn Georg, der wenige Jahre zuvor vom Baum gefallen und daran gestorben war, schon ein Grab gekauft - und setzten nun die Urne für ihren ältesten Sohn Ernst mit der unbekannten Asche dort bei.  Die Asche war nicht seine und die Todesursache war eine Lüge. Und das ausgesprochene Beileid ein Schlag ins Gesicht.

Dieses Jahr im Januar konnte ich die Krankenakte meines Onkels aus der Anstalt Stetten in Kopie bekommen und  durchlesen. Dort steht über unseren Onkel am Anfang: "aufgenommen am 5.11.1926 Punkt. Und dann: ausgetragen am 12.11.1940, auf Anordnung des Innenministeriums verlegt." Auch in der Anstalt verlogene Eintragungen, ausgetragen anstatt zum Tode verurteilt, und verlegt anstatt vergast. Alle wußten doch genau was geschehen war. Wie man sich wohl fühlt, wenn man am Schreibtisch solche Lügen in die offiziellen Akten schreibt. Diese Beamten und Angestellten hatten alle Angst, ich will es wohl glauben. Aber die Wahrheit kommt doch ans Tageslicht, sie war immer am Tageslicht.

Die Diakonie Stetten konnte sich erst nach ca. 50 Jahren dazu durchringen, für ihre dem Tode ausgelieferten Patienten ein Denkmal mit allen Namen zu setzen. Nur leider steht dieses Denkmal an einem ganz abgeschirmten, hinter Hecken versteckten Platz, den man erst findet, wenn man sich danach erkundigt hat. Ob hier wieder eine Angst herrscht, die Angst um den guten Ruf?

05/2007, Susanne Rohatsch

Quelle:

[1] http://www.stolpersteine-stuttgart.de [Stand 04.04.2016]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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