Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Johanna Schweizer, geboren am 3. Februar 1873, stammt aus einer Gerlinger Schuhmacherfamilie. Ihre Eltern waren Johann Jakob Schweizer, geb. 1831, Bürger und Schuster in Gerlingen, und Wilhelmine Friederike, geb. Lederer, geb. 1836 in Mundelsheim. Johanna wuchs als die Jüngste und als einziges Mädchen neben drei älteren Brüdern auf. Zwei weitere Schwestern waren bereits wenige Monate nach der Geburt gestorben. Sie blieb unverheiratet und hatte keine Kinder.

Johanna Schweizer wurde 1897 als erste qualifizierte Handarbeitslehrerin in Gerlingen eingestellt. Gleichzeitig wurde für die weibliche Jugend erstmals „Arbeitsunterricht“ (also Handarbeitsunterricht) als verpflichtendes Schulfach eingeführt. Über die Motivation von Johanna Schweizer, diesen Beruf zu erlernen, liegen keine Berichte vor. Lehrerin war in der damaligen Zeit einer der wenigen anerkannten Frauenberufe, der begabten jungen Frauen ohne - größere - Hürden offen stand. So ist ihre Berufswahl wohl als ein ‚selbstverständlicher Weg für ein 24jähriges unverheiratetes Fräulein aus einer Handwerkerfamilie in einem kleinen württembergischen Dorf zu sehen.

Johanna Schweizer muss eine gute Handarbeitslehrerin und bei den Schülerinnen auch beliebt gewesen sein. Im Gemeinderatsprotokoll der Sitzung vom 5. April 1927 wurden ihr „Fleiss und ihre Hingabe“ gewürdigt. Johanna erkrankte und wurde dann später nicht mehr als Handarbeitslehrerin weiterbeschäftigt. Entlassen wurde sie nicht. Man bot ihr zum 1. April 1928 eine ihrem Gesundheitszustand angepasstere Stelle als „Kinderschulreinigerin“ an. Ihre Entlohnung dafür, 35 RM, war vergleichsweise hoch, außerdem wurde ihr das von Gemeindepfleger Hohly bewohnte Unterlehrerzimmer unentgeltlich überlassen. Diese Beschäftigung übte Johanna Schweizer etwa drei Jahre lang bis zum Januar 1931 aus, bis zu ihrer – neuen? – Erkrankung.

Ob es zwischen der Erkrankung und den Überlegungen, Johanna Schweizer durch eine qualifiziertere Fachlehrerin zu ersetzen, einen Zusammenhang gibt, kann nur vermutet werden. Waltraud Loose kann sich erinnern, dass ihre Mutter immer davon gesprochen hatte, dass die Tante „ihre Absetzung nicht überwunden habe“ und darüber krank und zwar psychisch krank geworden sei. Was schließlich der Auslöser war, dass sie am 23. Dezember 1931 in die Heilanstalt Weissenau „eintrat“, bzw. „eingewiesen“ wurde „auf Ersuchen der Angehörigen“ ist nicht bekannt.
Der Aufnahmebefund am 23. Dezember 1931 in der Heilanstalt Weissenau lautet: „S. ist bei der Aufnahme geordnet, still, einsilbig. Ihre kurzen Antworten auf Personal- und Verwaltungsfragen zeigen sie örtlich und zeitlich orientiert. Die Stimmung erscheint gedrückt, doch ist sie eher etwas leer als betont depressiv. S. folgt willig auf die Abteilung, lässt sich baden und untersuchen.

Dass Johanna Schweizer am 10. Juni 1940 in Grafeneck umgebracht wurde, weiß man, weil ihr Name auf der Liste für den 4. Transport aus der Heilanstalt Weissenau in die Tötungsanstalt Grafeneck steht, der am 10. Juni 1940 erfolgte. Sie wurde 67 Jahre, 4 Monate und 7 Tage alt.

Quellen:

[1] Denk mal an Johanna Schweizer, Ein Projekt gegen das Vergessen und Verdrängen, http://denktag2008.denktag-archiv.de/Startseite_Teilnehmerbeitrag.1597.0.html [Stand 20.08.2015]

[2] Gedenken und Erinnerung an zehntausende vom NS-Staat getötete kranke und behinderte Menschen Stuttgart, https://euthanasieopfer.wordpress.com [Stand 05.02.2019]

 

Die ganze Geschichte von Johanna Schweizer ist erschienen unter:
Riethmüller, Barbara: Johanna Schweizer – Erst „seelengute“ Handarbeitslehrerin, dann „lebensunwertes Leben“; in: Gerlinger Frauengeschichten,  herausgegeben von der Stadt Gerlingen und fetzig, Gerlingen 2007, S. 56 – 79.

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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