Eines der Opfer von Grafeneck war Margarete Kusterer. Sie wohnte dort bei ihren Eltern, als sie im Alter von 28 Jahren im Januar 1920 im nahe gelegenen Bürgerhospital stationär aufgenommen wurde. Ihr Vater, Michael Kusterer, verdiente sein Geld als Fuhrmann, beschäftigt vermutlich bei der Städtischen Latrinenabfuhr. Für sie steht in der Krankenakte als Beruf „Büglerin“.
Margarete Kusterer wurde nach zwei Monaten wieder nach Hause entlassen. Die Diagnose: dementia praecox. Das ist eine damals übliche Bezeichnung für eine bestimmte Form der Schizophrenie. Schon im Dezember 1920 wurde sie erneut eingeliefert: jetzt in die „Heilanstalt“ Christophsbad in Göppingen. Von dort wurde sie im November 1922 als „ungeheilt“ in die „Heilanstalt“ Schussenried verlegt.
Was wissen wir über sie? Über ihr Leben bis 1920 gar nichts, außer dass sie evangelisch getauft und unverheiratet war. Und für die Zeit danach? In den Krankenakten gibt es nicht einmal zu ihrem möglichen Aussehen verlässliche Angaben: hatte sie braune oder graue Augen, schwarze oder dunkelblonde Haare, war sie 1,62m oder 1,50m groß? Wog sie in Christophsbad noch 50 kg, und stand sie am Ende in Schussenried mit 36,5 kg vor dem Hungertod?
Wir wissen nichts über Schwere und Verlauf ihrer Krankheit; nichts über ihren Umgang mit Mitpatienten, Pflegern und Ärzten; nichts über ihre Gefühle und Gedanken; nichts darüber, ob sie von Angehörigen besucht worden ist, ob sie Briefe geschrieben, Post bekommen hat. Wir haben kein Foto von ihr. Wir wissen nicht, ob sie Geschwister gehabt hat und was aus ihren Eltern geworden ist.
Nur eines wissen wir genau: Margarete Kusterer ist, 49 Jahre alt, am 23. August 1940 mit einem der grauen Busse von Schussenried nach Grafeneck abtransportiert und dort noch am gleichen Tag ermordet worden.

Recherche und Text: Dr. Wolfgang Harder und Elke Martin, Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord

Quellen:

[1] http://www.stolpersteine-stuttgart.de [Stand 01.02.2019]

[2] Staatsarchiv Ludwigsburg

[3] Bundesarchiv Berlin

[4] Gedenkstätte Grafeneck

[4] Stadtarchiv Stuttgart