Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Die am 1. Juni 1902 in Markelfingen geborene Berta Welschinger war das zweite von drei Kindern des Landwirts Titus Welschinger (1873-1949) und dessen erster Frau Luise Welschinger, geborene Huber (1874-1.6.1906). Berta, ihre ältere Schwester Karoline (Lina) und der 1904 geborene Stefan Welschinger wuchsen im Elternhaus in der Unterdorfstr. 9 in Markelfingen auf. An Bertas 4. Geburtstag 1906 starb Luise Welschinger an Lungentuberkulose.

Berta besuchte zwischen 1908 und 1916 die Volksschule und arbeitete seit 1928 als Näherin und Dienstmädchen in verschiedenen Stellungen in Konstanz. Lt. Einwohnermeldekarte änderte sich ihre Konstanzer Arbeitsadresse zwischen 1928 und 1930 mehrfach; zuletzt war sie ab 29.10.1930 in der Hussenstr. 53 in Konstanz gemeldet. Als Hochschwangere kam sie am 7. Januar 1931 in das Wöchnerinnenheim, Friedrichstr. 21.

Bald nach der Geburt ihrer unehelichen Tochter Elisabeth Berta am 15. Januar 1931 muss es bei Berta Welschinger zum Ausbruch einer akuten psychischen Erkrankung gekommen sein; vmtl. handelte es sich um eine durch die Entbindung ausgelöste Psychose. Berta Welschinger wurde am 26. Januar 1931 zusammen mit dem neugeborenen Kind im Erholungs- und Kinderheim Nazareth, Säntisstr. 4, aufgenommen. Der im Staatsarchiv Freiburg überlieferten Kranken- und „Erbgesundheitsakte“ ist zu entnehmen, dass Berta Welschinger bereits am 20. Februar 1931 in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau eingewiesen wurde, Aufnahmediagnose: Schizophrenie. Auch auf eine angebliche, zurückliegende luetische Infektion wurde die klein gewachsene Frau untersucht; ohne eindeutigen Befund.

Ihre vom Jugendamt Konstanz später als „geistesschwach“ bezeichnete Tochter Elisabeth blieb im Konstanzer Kinderheim Nazareth zurück und kam im Alter von acht Monaten am 13.10.1931 in das gleichnamige Waisenhaus Nazareth in Sigmaringen, bevor sie am 14.3.1935 in die St. Josefs-Anstalt Herten eingewiesen wurde.

In allen drei genannten Heimen waren Kreuzschwestern aus Hegne für die Betreuung der Pfleglinge zuständig. Da Elisabeths Mutter als „geisteskrank“ galt und ihr leiblicher Vater, der Bahnarbeiter Wilhelm Degen aus Wollmatingen, für sie nicht aufkommen konnte oder wollte, war vom Amtsgericht Konstanz die Amtsvormundschaft des Stadtjugendamts veranlasst worden.

Den Sigmaringer Akten ist zu entnehmen, dass Elisabeths Tante, Karoline Welschinger, starken Anteil am Verbleib und Schicksal der kleinen Elisabeth nahm und sie unterstützte. So schickte sie 1931 und 1932 u.a. mehrfach Kleiderpakete in das Waisenhaus, erkundigte sich regelmäßig nach Elisabeths Wohlergehen und verlangte ausdrücklich die jeweilige Rückmeldung und Bestätigung der Heimleitung. Bei einem veranschlagten Pflegesatz von nur 1 Reichsmark pro Tag waren solche Zuwendungen bitter nötig. Auf Wunsch ihrer Tante wurde von der Heimleitung eine Fotografie Elisabeths angefertigt, die allerdings nicht überliefert ist.

Wenige Tage nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, Elisabeth war zwei Jahre alt geworden, schrieb die Waisenhausoberin am 3. Februar 1933 an das Jugendamt Konstanz die für das weitere Schicksal des kleinen Mädchens verhängnisvolle „Beobachtung“: “…möchte ich mitteilen, daß nach Beobachtung der das Kind betreuenden Schwester dieses Kind Elisabeth Welschinger mit fortschreitender Entwicklung immer mehr seine Unnormalität verrät.“ Dies veranlasste den Amtsvormund, Elisabeth zum 14. März 1935 nach Herten zu verlegen.

Während Elisabeth ihre ersten Lebensjahre in Sigmaringen verbrachte, erfolgte am 17. Januar 1933 die Verlegung Berta Welschingers in die Kreispflegeanstalt Geisingen. Der dortige Anstaltsleiter und prakt. Arzt Dr. Wilhelm Steiger beantragte ein Jahr später beim Erbgesundheitsgericht Donaueschingen die „Unfruchtbarmachung“ der jungen Mutter aufgrund der §§ 1-3 des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Der entsprechende Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Donaueschingen erging am 11. April 1934. Berta Welschinger legte innerhalb der vierwöchigen Widerspruchsfrist mit einem eindrücklichen Brief an die „Amtsherren“ Beschwerde ein. Der Fall kam daraufhin vor das „Erbgesundheitsobergericht“ in Karlsruhe, das die „Beschwerdeführerin“ allerdings wegen angeblich medizinisch „eindeutig“ nachgewiesener Schizophrenie, resp. „Erbkrankheit“ im Sinne des Gesetzes umgehend abwies und den Donaueschinger Beschluss für rechtskräftig erklärte. Am 21. Juni 1934 wurde die damals 32-jährige Frau in die „Heilanstalt“ Reichenau zurückverlegt und am 28. Juni 1934 in der Krankenanstalt Donaueschingen zwangssterilisiert. Das Kreiswohlfahrtsamt Konstanz legte die unterste „Verpflegungsklasse“ für Berta Welschinger fest.

„Verlegung“ und Ermordung in Grafeneck

Ein neben dem kargen Fahrnis-Verzeichnis in der Akte einliegendes, hektographiertes Formblatt der Reichenauer Anstalt vom 27. Juni 1940 dokumentiert schließlich Berta Welschingers angebliche „Verlegung“ („Entlassung“) in die Heilanstalt Zwiefalten an diesem Tag; Abfahrt der „Grauen Busse“ der „Gekrat“ auf dem Anstaltsgelände: 9.00 morgens. Den Grund der „Verlegung“ formulierte die Anstalt auf einem weiteren Formblatt verklausuliert und in der Tarnsprache der für die „Aktion T4“ Verantwortlichen: Das Schreiben der Klinik-Leitung an den „Kostenträger“, das Kreiswohlfahrtsamt Konstanz, datiert ebenfalls vom 27. Juni 1940 und trägt die Betreffszeile: „Verlegung von Anstaltsinsassen im Rahmen besonderer planwirtschaftlicher Maßnahmen“. Berta Welschinger „wurde heute auf höhere Weisung in eine andere Anstalt verlegt. Von der aufnehmenden Anstalt wird ihnen Nachricht gegeben werden, wohin die Verpfl.Kosten ab 17.6.1940 zu zahlen sind“. Offensichtlich verwendete man von Seiten der Anstalt dabei irrtümlicherweise nochmals das Formblatt mit dem Datum des ersten Abstransports der Reichenauer Patientinnen zehn Tage zuvor. Die fingierte „Verlegung“ nach Zwiefalten diente ohnehin nur als Tarnmanöver, um den Angehörigen die Nachforschungen nach Berta Welschinger zu erschweren, wenn nicht ganz unmöglich zu machen.

Berta Welschinger gehörte, zusammen mit Anna Maria Ronkat, zu jenen 75 Patientinnen („Frauen M-Z“), die am 27. Juni 1940 ohne „Zwischenanstalt“ direkt von Reichenau in die als „Landesheilanstalt“ Grafeneck“ bezeichnete Tötungsanstalt Grafeneck transportiert und dort noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und anonym eingeäschert wurden.

Dass die Angehörigen durch eine standardisierte Nachricht („Trostbrief“) der „aufnehmenden Anstalt“ erst Wochen nach der „Verlegung“ vom Tod Berta Welschingers erfahren haben, lässt u.a. der Eintrag des gefälschten Todesdatums Berta Welschingers - „19. Juli 1940“ - auf der Vormundschaftskarte der Tochter vermuten. Eine der Krankenakte beiliegende Postkarte des Bruders Stefan Welschinger vom 9. Februar 1941 lässt ebenfalls die Verschleierungs- und Fehlinformationstaktik der Verantwortlichen erahnen.

Der Erinnerung von Angehörigen zufolge wurde schließlich eine Urne mit der angeblichen Asche Berta Welschingers nach Markelfingen übersandt und auf dem dortigen Friedhof bestattet; wann dies geschah, ist nicht bekannt.

Elisabeth Welschinger: Herten-Emmendingen-Grafeneck

Auch die Angaben zu Elisabeth Welschingers Tod in den wenigen, überlieferten Dokumenten sind Fälschungen der verantwortlichen Ämter und belegen den zu Tarnzwecken vorgenommenen „Aktentausch“ unter den Tötungsanstalten. Im standesamtlichen Geburtenregistereintrag (Standesamt Konstanz, Nr. 25, vom 16.1.1931) und auf der Vormundschafts-Karteikarte Elisabeth Welschinger (Zentralkartei des Sozial- und Jugendamts Konstanz, Stadtarchiv Konstanz) findet sich als fingiertes Todesdatum der „5. September 1940“ und als fingierter Todesort “Brandenburg, Havel“ angegeben. Außerdem ist das auf der Karteikarte des Jugendamts angegebene Todesdatum Berta Welschingers, der Mutter des „Mündels“ („19. Juli 1940“) falsch.

Nachweislich der „Austrittsliste“ der St. Josefs-Anstalt Herten wurde die neunjährige Elisabeth am 26. Juli 1940 „verlegt“. Sie gehörte zu einer Gruppe von 70 Mädchen und Frauen (das jüngste Mädchen war 5 Jahre alt). Tatsächlich wurden die 70 Patientinnen aus Herten bereits am 21.8.1940 von einem weiteren „Gekrat“-Transport in Emmendingen abgeholt und nach Grafeneck „verlegt“. Lt. überliefertem Entlassungsbuch der Heilanstalt Emmendingen wurde Elisabeth mit der Abgangsdiagnose „Idiotie“ als „ungeheilt entlassen“, Ortsangabe (Tarnbezeichnung): “Planwirtschaftliche Verlegung“. Noch am selben Tag hat man sie in der Gaskammer von Grafeneck ermordet und anonym eingeäschert; an jenem Ort, an dem auch das Leben ihrer Mutter Berta Welschinger, zwei Monate zuvor, endete.

Die Angehörigen Elisabeths haben die Todesnachricht mit den vorsätzlichen Falschangaben und eine Urne nicht aus Grafeneck, sondern aus der als „Landesheilanstalt“ bezeichneten Tötungsanstalt in Brandenburg a.d. Havel zugeschickt bekommen. Der zugrundeliegende „Aktentausch“ zwischen Grafeneck und Brandenburg (wahlweise auch Hartheim bei Linz oder Pirna-Sonnenstein bei Dresden) war im Frühjahr 1940 von der Berliner Aktion T4-Zentrale angeordnet worden. Die Beurkundung eines falschen Todesortes und Todesdatums diente der systematischen Verschleierung der wahren Umstände, Daten und Orte der Morde und machte die Nachforschungen der Angehörigen nahezu unmöglich.

In der Familie erzählte man sich zwar, dass Berta Welschinger vor Einweisung in die Reichenauer Anstalt 1931 ein Kind entbunden habe; über dessen Geschlecht, Name und weiteres Schicksal war indessen nichts mehr bekannt.

Lebende Angehörige: Werner Welschinger, Sohn von Stefan Welschinger, Markelfingen; Gottfried Blum, Markelfingen, Sohn von Bertas Halbschwester Paula Welschinger.

Quelle

[1] Markus Wolter, Initiative Stolpersteine Radolfzell, http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/stolpersteine [Stand 18.05.2016]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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