Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Frieda Armbruster, geb. am 14. Januar 1890 in Wilferdingen, Pforzheim, war die Tochter des Land- und Gastwirts Ludwig Philipp Armbruster (1853-1912) und dessen Ehefrau Karoline Katharina, geb. Holzmüller (1856-1941), und Zwillingsschwester von Adolf Armbruster (1890-1972), des späteren, langjährigen Direktors (Vorstands) des Milchwerks Radolfzell. Ihr älterer Bruder, Friedrich Armbruster (geb. 1886), starb 1916 als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Über Frieda Armbrusters Kindheit und Jugend in Pforzheim und ihre Schulausbildung ist bislang wenig bekannt. Im Alter von 16 Jahren kam es lt. Versorgungsakte infolge einer nicht näher bezeichneten „Gehirnerkrankung“ zum Ausbruch einer „Geisteskrankheit“ und Frieda Armbruster wurde entmündigt.

Ihr Bruder Adolf machte 1909 in Pforzheim Abitur und wurde 1914 Landwirtschaftslehrer an der Landwirtschaftlichen Kreiswinterschule Meßkirch; 1918 war er Verbandssekretär des Genossenschaftsverbandes badischer landwirtschaftlicher Vereinigungen in Karlsruhe und 1924 Leiter der Bezirkszentrale Stockach der badischen landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft eGmbH. Im selben Jahr kamen auch Frieda Armbruster und ihre Mutter Karoline Armbruster (der Vater Ludwig A. war bereits 1912 gestorben) nach Stockach, wo die Familie in der Hindelwangerstraße 254 lebte.

Frieda Armbruster wurde am 30. August 1927 von dort per „Vollzugsordnung zum Irrenfürsorgegesetz“ in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau eingewiesen. Beantragt hatte dies ihre Mutter; Aufnahmediagnose: vmtl. Schizophrenie.

1928 zog Familie Armbruster nach Radolfzell um, wo Adolf Armbruster geschäftsführendes Vorstandsmitglied (Direktor) des Milchwerkes Radolfzell geworden war. Die Familie - Karoline Armbruster, Adolf Armbruster, dessen zweite Frau Julie Armbruster, geb. Bälz, und die vier Kinder (zwei Söhne, Friedrich und Adolf, die 1941/1944 fielen, und zwei Töchter, Margarethe und Elisabeth Armbruster - wohnte fortan in der Güttinger Str. 13, direkt neben der Einfahrt zum Milchwerk. Die Verpflegungskosten für Frieda Armbrusters Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurden anfänglich von ihrer Mutter, zuletzt von ihrem Bruder Adolf Armbruster getragen.

Nach dreizehn Jahren als Patientin der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurde Frieda Armbruster für die geplante NS-„Euthanasie“-„Aktion T4“ erfasst. Anstaltsdirektor Arthur Kuhn schickte im Oktober und November 1939 die angeforderten Meldebögen von insgesamt 596 Patient/innen an die Planungszentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4; dort entschieden „T4“-Gutachter nach flüchtiger Akteneinsicht über den „Lebens(un)wert“ von zehntausenden psychisch kranker und geistig behinderter Menschen.

„Verlegung“ und Ermordung in Grafeneck

Eine Urne mit Frieda Armbrusters Namen wurde 1983 unter 196 nicht bestatteten Urnen von „Euthanasie“-Opfern im Friedhofsgebäude von Konstanz aufgefunden; die Urnenplakette trug die gravierte Inschrift: „Nr. 5696 / Frieda Armbruster / geb. 14.1.1890 Wilferdingen / gest. 6.7.1940 Hartheim“.

Frieda Armbruster wurde nachweislich der Krankenakte und Transportliste am 17.6.1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet, wohin die „unruhige Patientin“ aus der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, Gebäude FU I (= „Frauen unruhig“), mit einem der „grauen Busse“ der Gekrat gebracht worden war; gemeinsam mit weiteren 90 Patientinnen („Frauen A-L“); auch Albertine Hässig befand sich in diesem 2. Reichenauer Transport nach Grafeneck. Die auffälligen, bei ihren Fahrten durch die Städte und Dörfer beobachteten Reichspost-Busse mit den getünchten Fenstern fuhren von Reichenau über Radolfzell nach Grafeneck. Fahrtroute: Reichenau - Radolfzell - Stockach - Meßkirch - Sigmaringen - Gammertingen - Engstingen - Gomadingen - Marbach - Grafeneck (Entfernung lt. Straßenatlas von 1940 über „Reichs“- „Haupt-“ und „Sonstige gute Straßen“: ca. 140 km; Fahrzeit: ca. 2,5 - 3 Stunden).

Quelle

[1] Markus Wolter, Initiative Stolpersteine Radolfzell, http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/stolpersteine [Stand 18.05.2016]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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