Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Heinrich Bauer wurde als erstes Kind der Familie Bauer am 12. Januar 1909 in Besigheim geboren. Ihm folgten noch fünf weitere Geschwister.

Seine Eltern betrieben ein Geschäft in der Hauptstraße 19. Was genau es in diesem Laden so um 1910 zu kaufen gab, wissen wir leider nicht. Später dann, als eine Schwester von Heinrich nach dem 2.Weltkrieg den Laden führte, war es ein Kurzwarenladen. Es gab aber auch Bettwäsche und im Keller fand Familie Brixner (die heutigen Besitzer von Haus und Laden) eine Vorrichtung um Federn in Bettdecken zu füllen. Frau Brixner erinnert sich noch, mal eine Turnhose bei Lydia Bauer gekauft zu haben. Ein Zeitzeuge berichtet, dass im Laden auch Bibeln zum Verkauf angeboten wurden.

Die Eltern von Heinrich haben im April 1908 in Besigheim geheiratet. Heinrichs Mutter war die 1879 in Besigheim geborene Rosine Karoline Günther. Rosine Karoline Günthers Vater, August Günther, war Kaufmann in Besigheim. Ihre Mutter war eine Marie geborene Hetzel. Sie entstammte der Besigheimer Seifensiederfamilie Hetzel. Schon diese Familie hatte ihre Werkstatt im Haus Hauptstraße 19. Marie erbt 1871 das Haus.

Aus den Meldekarten der Stadt Besigheim geht hervor, dass alle Kinder häufig in Besigheim Hauptstraße 19 an- und abgemeldet wurden. Leider ist nur noch teilweise nachvollziehbar aus welchen Gründen. So waren zum Beispiel alle Kinder (außer Friedrich) kürzer oder länger in der Heilanstalt Weinsberg. Zumindest ein Sohn war im Bruderhaus in Schernbach. Zeitzeugen berichten, dass die Familie Bauer sehr gläubig war. Hausmusik wurde großgeschrieben. Aus einer Hausliste des Jahres 1938 geht hervor, dass Gotthilf Bauer mit Sohn Johannes und Tochter Lydia, nebst dem Dienstmädchen Martha Müller, im ersten Stock gewohnt haben. Im zweiten Stock wohnte Familie Sommer. 1938 wohnte Heinrich Bauer also nicht mehr im Haus Hauptstraße 19.

Laut Krankenakte der Universitäts-Nervenklinik Tübingen war Heinrich Bauer dreimal stationär in der Nervenklinik Tübingen. Das ärztliche Gutachten vom 3. August 1928 ist sehr ausführlich. Der Arzt kommt zu folgender Beurteilung: „Es handelt sich bei Heinrich Bauer um eine in die Gruppe der Schizophrenie gehörige geistige Erkrankung. Die Prognose der Erkrankung ist zweifelhaft. Ob die Berufsfähigkeit wieder gewonnen werden kann, ist heute noch nicht mit Sicherheit vorauszusagen. Für die weitere Behandlung kommt nur eine für Geisteskranke eingerichtete Anstalt in Frage. Wenn die Besserung der letzten Zeit anhält, werden wir jedoch den Kranken nach Hause entlassen.“ Tatsächlich wird Heinrich Bauer am 14. August 1928 nach Hause entlassen.

Ende August 1930 wird er erneut stationär in die Nervenklinik in Tübingen aufgenommen. Er bleibt dort bis November und wird wieder nach Hause entlassen. Die dritte Aufnahme erfolgt im Januar 1931. Er selbst bittet um Aufnahme in die Nervenklinik. Sein Zustand hat sich sehr verschlechtert. Am 13. Februar 1931 ist in seiner Akte vermerkt: „…er ist sehr unruhig, läuft ängstlich im Saal umher, lacht abrupt vor sich hin. Er grimassiert heftig.“

Eintrag am 15. März 1931: „Patient ist seit 2. März auf der Unruhigen Abteilung, größtenteils im Dauerbad. Ein Kontakt ist mit ihm nicht zu gewinnen.“

Eintrag am 18. März 1931: „Überführung in die Heilanstalt Weinsberg.“ In der Heilanstalt Weinsberg bleibt er bis Juni 19. Juni 1934. Als „gebessert“ wird er nach Hause entlassen.

Im November 1935 wird er erneut (zum zweiten Male) auf Ansuchen der Angehörigen in Weinsberg aufgenommen. Er wird Besigheim nicht wieder sehen.  Im Krankenblatt der Heilanstalt Weinsberg steht unter Austritt „verlegt“ und das Datum 16. Juli 1940. Im Transportkalendarium des Dokumentationszentrums Grafeneck ist für diesen Tag, 16. Juli 1940, eine Deportation von Weinsberg nach Grafeneck verzeichnet. Er wurde in Grafeneck noch am selben Tag vergast.

Quelle:

[1] http://stolpersteineinbesigheim.jimdo.com [Stand 05.04.2016]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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