Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Aktion T4, oder auch genannt die „Euthanasiemorde“. Kein anderes Thema hat mich bisher in meiner Forschung so lange in Beschlag genommen wie dieses. Ja man könnte sogar sagen es sei daran maßgeblich beteiligt dass ich mich heute in meiner freien Zeit mit der Familienforschung und Geschichte beschäftige.

Häufig wird dieser Teil der Familiengeschichte verdrängt oder verschwiegen. Auch in meiner Familie war dies ein Thema über das nicht gesprochen wurde. Ich kann mich erinnern sowohl meine Großmutter als auch meinen Vater nach dem Verbleib meiner leiblichen Urgroßmutter gefragt zu haben. Die Antwort war stets die selbe: „Die hat der Hitler vergast.“ Nachfragen wurden mit einem Schulterzucken beantwortet.

Bueler RosinaAm Beispiel von Rosa, meiner Urgroßmutter, möchte ich gerne aufzeigen welch Schicksal viele Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren1940 und 1941 während der Zeit des Nationalsozialismus erfahren mussten.

Im Mai 1906 erblickt Rosina in Rednitzhembach als 2. Kind von Andreas und Anna Bühler das Licht der Welt. Ihr Bruder Hans ist 2 Jahre alt. Als sie 8 Jahre alt ist fällt ihr Vater im Alter von gerade einmal 34 Jahren in der Schlacht um Arras (Frankreich). Die Mutter versucht die Kinder durchzubringen, leidet jedoch selbst unter der Situation so dass diese mehrere Aufenthalte in den Ansbacher Anstalten verbringt. 1920 besteigt ihr Bruder das Schiff George Washington in Bremen und wandert nach Michigan aus. Rosa ist fortan alleine mit ihrer Mutter.

1928 heiratet sie in Nürnberg den Schlosser Manfred Nierbauer und verlässt das Elternhaus. Es folgen in rascher Reihenfolge 5 Kinder. Am 25.02.1937 springt Rosa in die Rednitz um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Doch sie überlebt, und wird im Nürnberger Klinikum eingewiesen. Dieses attestiert Schizophrenie, lässt sie zwangssterilisieren und überführt sie an die Pflegeanstalt in Erlangen. Hierüber ist ihre Krankenakte erhalten geblieben welche heute im Bundesarchiv in Berlin lagert.

Rosa ist unglücklich. Teilt den Ärzten immer wieder mit nach Hause zu wollen und man möge sie doch endlich entlassen. Die Stimmen im Kopf seien auch schon viel leiser geworden und sie müsse sich um die Kinder und ihren Mann kümmern. Heinrich ist jedoch selten zuhause. Er ist Hilfsarbeiter bei der Reichsbahn. Die Großmutter (Rosinas Mutter) kümmert sich um die Kinder.

Schon im Februar 1940 wird es brenzlig für Rosa. Eine kleine Wunde im Gesicht hat sich entzündet und breitet sich über das halbe Gesicht aus. Ihr fallen die Haare auf der linken Seite büschelweise aus. Das Fieber steigt auf über 40 Grad. Die Pflegeanstalt Erlangen rechnet mit ihrem Ableben und sendet daher ihrem Onkel eine Postkarte da man die Feldpostnummer von Heinrich nicht kenne.

Im Mai 1940 reicht Heinrich die Scheidung ein. Da man Rosas Schizophrenie als Erbkrankheit sieht bedarf es nicht ihrer Zustimmung sondern lediglich eines ärztlichen Attests.

Als Rosas Mutter davon erfährt verkauft sie das Haus in Rednitzhembach (unter lautstarkem Protest ihres Schwiegersohns Heinrich) um es nicht in fremde Hände (also in Heinrichs Besitz) fallen zu lassen. Sie verkauft es für 8.200 Reichsmark. Darauf kauft sie ein kleines Haus in der Hasenmühle (Barthelmesaurach) und nimmt die Enkelkinder zu sich. Meine Großmutter schwärmt heute noch von ihrer Kindheit in der Hasenmühle.

Im August 1941 bestieg Rosa zusammen mit anderen Patienten der Pflegeanstalt Erlangen einen der grauen Busse der sie nach Österreich bringt. In der Patientenakten ist dies als „Erholungsurlaub“ eingetragen. Endstation ist die Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich. Rudolf Lonauer leitet von 1940 bis 1945 die Anstalt. Da dieser auch die Zwischenanstalt Niedernhart leitete kann man heute nicht mehr rekonstruieren ob Rosa direkt nach Hartheim gefahren wurde oder ob sie einige Zeit in Niederhart blieb. Tötungen erfolgten dort durch Unterernährung und durch Überdosis von Medikamenten. Gestorben ist sie schließlich in Hartheim. Um noch Gelder der Träger zu erhalten datierte man ihren Tod etwa 5-6 Wochen in die Zukunft. Als Todesursache wird eine schwere Lungenentzündung angegeben.

Opfer verblieben nicht lange in Hartheim Die Busse fuhren vor, man machte noch eine kurze Untersuchung in der man die Opfer fotografierte und wog. Danach ging es in die Duschräume die wie die meisten heute wissen zu Gaskammern umgebaut wurden.

Lonauer beging 1945 Selbstmord und musste sich daher für seine Taten nie vor Gericht verantworten.

 

Claudia Habben

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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