Gedenken an die Opfer der NS - Euthanasie
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist'

Wir wollen so vielen Opfern wie möglich ihre Identität wieder geben.


Der am 29. November 1934 in Radolfzell geborene Walter Josef Böhler war das uneheliche Kind von Emma Josefine Böhler (1911-) aus Wangen/Öhningen. Deren Eltern waren Anna Maria Böhler, geborene Schneble (1882-), aus Wangen und der Oberpostschaffner Wilhelm Böhler (1879-1951). Familie Böhler lebte zum Zeitpunkt von Walters Geburt in der Köllinstr. 31, Radolfzell, wo Walter die ersten beiden Lebensjahre mit seiner Mutter und seinen Großeltern verbrachte. Wer sein Vater war, konnte bislang nicht ermittelt werden. Seine Mutter heiratete 1942 Reinhold Steinwachs aus Dortmund (geb. 1908), mit dem sie 1945 nach Wangen zog. Walter Josef Böhler wurde im Alter von 2 1/2 Jahren am 8. Mai 1937 vermutlich wegen „angeborenen Schwachsinns“ oder einer körperlichen Missbildung in die St. Josefsanstalt Herten (Rheinfelden) eingewiesen. Außer dem Eintrag im Ein- und Ausgangsbuch („Eingang: 8. Mai 1937 / Ausgang: 12. August 1940 d.[urch] Min.[isterium])“ hat das heutige St. Josefshaus keine Dokumente zu Walter Josef Böhler überliefert. Im Herbst 1939 wurde der fünfjährige Walter für die geplante NS-„Euthanasie“-„Aktion T4“ erfasst.

Die Meldebögen zur systematischen Erfassung der Hertener Pfleglinge waren im Oktober 1939 aus der Berliner „T4“-Planungszentrale eingetroffen und wurden nun von Direktor Karl Vomstein bis November 1939 fristgerecht ausgefüllt und nach Berlin zurückgeschickt, wo „T4“-Gutachter über den angeblichen „Lebens(un)wert von zehntausenden kranken und behinderten Menschen entschieden. Allein aus der St. Josefs-Anstalt Herten wurden 345 Männer, Frauen und viele Kinder für die „Verlegung“ in die Tötungsanstalt Grafeneck bestimmt. Auch Walter gehörte zu ihnen: Am 12. August 1940 wurde er im zweiten Transport mit weiteren 74 männlichen Pfleglingen auf sogenannte „ministerielle Anordnung“ des Karlsruher Innenministeriums, Ministerialrat Ludwig Sprauer, in drei „grauen Bussen“ der "Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft" (Gekrat) von Herten zunächst in die als „Zwischenanstalt“ fungierende Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen und von dort am 29. August 1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck „verlegt“ und noch am selben Tag ermordet.

Das zu Tarnzwecken fingierte, im (nicht überlieferten) „Trostbrief“ und in der (nicht überlieferten) Sterbeurkunde des „Sonderstandesamtes“ Grafeneck mutmaßlich genannte Todesdatum, lässt sich aus dem Radolfzeller Geburtenregister erschließen: dort ist für Walter Josef Böhler der 10. September 1940 als gefälschtes Todesdatum und Grafeneck als Sterbeort eingetragen. Wo Walters sterbliche Überreste beseitigt wurden, ist nicht bekannt. Auf dem Städtischen Friedhof Radolfzell kam es 1940 oder später zu keiner Urnenbestattung auf seinen Namen.

Bislang konnten keine lebenden Angehörigen Walter Josef Böhlers ermittelt werden. Auch eine Fotografie, die Walter zeigt, ist bislang nicht bekannt.

Quelle

[1] Markus Wolter, Initiative Stolpersteine Radolfzell, http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/stolpersteine [Stand 18.05.2016]

externer LinkDie Opfer

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Hier finden sich einige der oft kurzen Lebens- und Leidensgeschichten von Opfern der Euthanasie. Es sind erschütternde Berichte, in mühevoller Kleinarbeit recherchiert von Journalisten, Historikern und zunehmend auch Angehörigen im Rahmen der Familienforschung.

Jede einzelne Geschichte ist es Wert, gelesen zu werden, denn hinter ihnen steckt das Schicksal von Menschen, die gequält und ermordet wurden. Die Geschichten geben stellvertretend auch den vielen anonymen Opfern ein Gesicht.

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